Chronik

[Diese Seiten als PDF]

Die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Leidersbach

Über die meisten Zeitabschnitte kann die Feuerwehr Leidersbach auf zahlreiche schriftliche Aufzeichnungen
und Fotografien zurückgreifen, die einen Einblick in die Höhen und Tiefen der Feuerwehrgeschichte und in
den jeweiligen Zeitgeist gestatten.
Traditionsgemäß steht und fällt die Wehr mit ihrem Kommandanten. Und darin hatten die Leidersbacher
immer eine glückliche Hand.
Ihr erster Kommandant Rudolf Bönig führte die Wehr von ihrer Gründung 1896 an bis zum Jahre 1924, also
28 Jahre.

Danach übernahm Anton Schüßler das Kommando. Der Chronist bezeichnet ihn als den „Prototyp“ des
Feuerwehrmannes und als Kommandant mit legendärem Ruf. Er befehligte die Wehr 21 Jahre bis zum Ende
des zweiten Weltkrieges.
Heute, im Jahre 1995, in dem das Jubiläum der Feuerwehr Leidersbach mit dem Ende des Krieges vor 50
Jahren zusammenfällt, sei versucht, etwas Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte zu bringen.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bemächtigte sich der
Staat der Organisation „Feuerwehr“ und mißbrauchte sie für seine Zwecke.
Die Eintragungen im Kassenbuch, das seit 1909 bis heute geführt wird, enden
1939 mit einem Kassenbestand von 13,50 M.
Die letzte Meldung des Mitgliederstandes, der als „Friedensstand“ bezeichnet wurde, erging ebenfalls 1939
durch den jetzt „Wehrführer“ genannten Kommandanten Anton Schüßler mit 36 Aktiven.
Mit Beginn des Krieges wurden immer mehr Feuerwehraktive zu den Waffen gerufen, die gewachsenen
Strukturen zerfielen. Der Staatsapparat versuchte, mit anderen Mitteln diese Lücken zu schließen. In der
Präambel des „Gesetzes über das Feuerlöschwesen“ vom 23.11.1938 liest sich das so:
„Die wachsende Bedeutung des Feuerlöschwesens vor allem für den Luftschutz
erfordert, daß schon seine friedensmäßige Organisation darauf abgestellt wird.
Hierzu ist nötig die Schaffung einer straff organisierten, vom Führungsprinzip
Geleiteten, reichseinheitlich gestalteten, von geschulten Kräften geführten Polizeitruppe (Hilfspolizeitruppe)
unter staatlicher Aufsicht.“
Am 31.12.1939, also nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen, macht Bürgermeister Elsässer
Meldung an das Landratsamt Obernburg:
„Die Mannschaft der Freiwilligen Feuerwehr Leidersbach besteht aus 27 Mann. An Geräten sind vorhanden:
eine Saug- und Druckspritze, eine mechanische Leiter, 200 m B-Schläuche und 60 m C-Schläuche. Zwischen
den Gemeinden Leidersbach, Ebersbach und Roßbach wurde vereinbart, daß bei allen Brandfällen ohne
Aufforderung gegenseitige Hilfe geleistet wird.“
Auf der Grundlage eines Runderlasses des Reichsführers der SS und Chefs der Deutschen Polizei im
Reichsministerium des Innern vom 11.01.1940 erging vom Landratsamt am 10.03.1940 nachfolgende
Anweisung an die Bürgermeister:
„Die Bürgermeister als Ortspolizeibehörde haben gemäß Ziffer 5 dieser ME. eine Liste der Eigentümer und
Besitzer von Zugtieren und Fahrzeugen (auch von Motorfahrzeugen) anzulegen, die bei Alarm unverzüglich
mit ihrem Fahrzeug auch ohne besonderes Ersuchen auf dem Alarmplatz zu erscheinen haben. Zweckmäßig
werden die Bürgermeister die Ortschaft in verschiedenen Quartiere oder Bezirke einteilen und für jeden
Bezirk die für den Brandfall heranzuziehenden Fahrzeuge und Zugtiere nebst ihren Besitzern listenmäßig
festlegen und diese Personen entsprechend verständigen, so daß bei Bränden die herangezogenen Leute ohne
weitere Aufforderung wissen, was sie zu tun haben.“
Bürgermeister Elsässer ordnete daraufhin folgendes an:
Bei jedem in der Gemeinde ausbrechenden Brand haben sich sofort beim Ertönen des Feuersignals am
Feuerwehrhaus einzufinden und weiterer Befehle des Bürgermeisters abzuwarten:
Franz Schüßler mit Fuhrwerk und Wasserfaß
Karl Schüßler mit Fuhrwerk und Wasserfaß
Franz Fries mit Fuhrwerk und Wasserfaß
Hefter Wilhelm mit Fuhrwerk und Wasserfaß
Kunkel Oskar mit Kraftwagen
Berberich Josef mit Kraftwagen
Bei Ausbruch eines Brandes im Ortsteil von Haus-Nr. 1 mit 35 haben sich an der Kapelle einzufinden mit
Fuhrwerk und Wasserfaß:
Franz Sauer August Bachmann
Franz Löffler Konrad Bachmann
Bei Ausbruch eines Brandes von Haus-Nr. 93 mit 110 haben sich mit Fuhrwerk und Wasserfaß bei der
Brücke an der unteren Mühl (Klemes Seitz) einzufinden:
Rüth Augustin Kempf Franz
Keller Josef
Ebenfalls aufgrund eines Erlasses des Reichsführers SS beschaffte 1941 die Gemeinde Leidersbach eine
neue Motorspritze der Firma Carl Metz in Karlsruhe. Es handelt sich um eine TS 8/8 mit einem 27-PS-Motor
in Lackierung „polizeigrün“. Zusammen mit einem geschlossenen, luftbereiften Anhänger beliefen sich die
Kosten auf 3809 Reichsmark. Hierfür gab es 30% Zuschuß.
Dermaßen ausgerüstet wurde dann die Leidersbacher Wehr in einen überörtlichen Alarmplan eingebunden
und hatte bei Feueralarm in den Gemeinden Roßbach, Ebersbach und Soden auszurücken.
Die personelle Ausblutung wurde immer drängender. Nach dem Runderlaß des Reichsführers SS vom
09.04.1941 mußten „die durch den Krieg bedingten Personalabgänge durch Inanspruchnahme der HJ und
nötigenfalls durch Heranziehen aller geeigneten Volksgenossen ohne Ansehen der Person aufgrund der
Notdienstverordnungen ausgeglichen werden.“
Im Juni 1942 wurden die Feuerwehren auf Anordung des Reichsarbeitsministeriums auf Bauhandwerker der
Jahrgänge 1892 – 1907 durchforstet und deren Tauglichkeit für den Arbeitseinsatz im Osten überprüft. Dabei
geriet das Reichsarbeitsministerium allerdings in Interessenkonflikt mit den SS- und Polizeioberen, die die
Einsatzfähigkeit der Feuerwehren gewahrt haben wollten. Danach hatte der Ortspolizeiverwalter
(=Bürgermeister) den „Vorrang zwischen Feuerwehrdienst und Osteinsatz gegeneinander abzuwägen und zu
entscheiden“.
Das Auffüllen der Lücken in der Feuerwehrreihen mit der HJ scheiterte mangels Masse, wie der mittlerweile
zum „Obertruppführer“ beförderte Anton Schüßler meldete. Aber im Rahmen der Notdienstverordnung
wurde doch eine Reihe männlicher Personen rekrutiert und im Laufe des Jahres 1943 mit dem Dienstgrad
„Truppmann“ zum Feuerwehrdienst verpflichtet:
Otto Karl Imhof Adolf Bauer Hyronimus
Seitz Karl Löffler Jakob Aulbach Heinrich
Sauer Josef Schüßler Ernst Imhof Karl
Sauer Bernhard Wolf Alfred Kempf Franz
Hefter Willi Bönig Franz Ott Vinzenz
Schmitt Josef Schüßler Leo Spinnler August
Schneider Jakob Seitz Anton
Kempf Otto Schmitz Wilhelm
Die Lage wurde immer trostloser. Runderlasse zur Materialeinsparung, Weiterverwendung alter Schläuche
und Verdunkelungsvorschriften häuften sich. Treibstoffe und Schmiermittel wurden auf für die Feuerwehr
rationiert. Im Oktober 1943 waren die Jahrgänge bis 1894 schon teilweise eingezogen, noch ältere Jahrgänge
von 1893 – 1884 wurden erfaßt und gemustert.
Im November 1943 wurde die Notdienstfeuerwehr nochmals durchgesiebt. Der Reichsführer SS hatte in
einem weiteren Runderlaß festgelegt, daß „50% der jetzt noch vorhandenen männlichen Kräfte, die für die
Heranziehung zum Wehrdienst oder für Zwecke der Landesverteid√≠gung nicht in Frage kommen, oder durch
geeignete weibliche Ergänzungskräfte ersetzt werden.“ Vom Feuerwehrdienst war jetzt nur noch befreit, wer
jünger war als 15 und älter als 70, Mütter von kleinen Kindern und Schwangere ab dem 6. Monat. Dem
Landrat Richter wurden daraufhin folgende Personen zur Dienstverpflichtung gemeldet:
Keller Maria Wolf Irma
Rüth Anna Schüßler Kunigunde
Kempf Emma Bönig Frieda
Schüßler Anna Schüßler Lisa
Reus Mathilde Reus Emmy
Bauer Cäcilia Reus Perpetua
Kempf Thersia Sauer Ernestina
Löffler Margareta Bönig Elfriede
Hein Karl Emmerich Josef
Seitz Anton Wegstein Rudolf
Aulbach Anton Josef Kempf Josef
Sauer Johann Josef
Mit diesem letzten Aufgebot an Frauen und alten Männern war die Lage ausgereizt, das Dorf ausgeblutet.
Für Leidersbach war dann an Ostern 1945 das Ende dieses wahnsinnigen Krieges in Gestalt der Amerikaner
eingetroffen.
Danach mußte sich die Wehr neu formieren. Sie begann mit dem neuen Kommandanten Johann Bauer, der
am 29.07.1945 als „Chief Fire Officer“ 20 Aktive in seinem Feuerwehrlagebericht an die Militärverwaltung
angab.